suche navigation

Presseartikel

 
Donnerstag, 22. Aug 2019

Arno Oehri: «Meine Filme haben immer narrativen Charakter»

Heute Preview Mit dem Medium Film beschäftigt sich der Ruggeller Multimedia-Künstler Arno Oehri schon seit Ende der 1980er-Jahre. Mit dem «Eidechsenkönig» legt er nach etlichen Installationsvideos und Dok-Filmen seinen ersten Spielfilm vor.
inhaltsbild

«Volksblatt»: Herr Oehri, Sie sind eigentlich gelernter Grafiker und auch als Maler und Multimediakünstler bekannt. Das Medium Film ist für Sie indes eine besondere alte Liebe?
Arno Oehri: Ich war schon während meiner Lehrzeit Anfang der 1980er- Jahre ein leidenschaftlicher Kinogänger und an Donnerstagabenden Stammgast im Schlosskino Balzers, wo immer unter dem Titel «Der spezielle Film» Arthouse-Produktionen im Original mit Untertiteln gezeigt wurden. Dort kam ich unter anderem in Berührung mit Werken von Andrej Tarkowski und Federico Fellini, die mich in ihrer Erzählweise besonders beeindruckt haben.

Was hat Sie daran konkret fasziniert?

Bei Tarkowski – zum Beispiel in seinem Film «Nostalgia» – fasziniert mich die innere Geschichte, die sich auf einer emotionalen Ebene abspielt, bei Fellini sind es die surrealen Elemente, wie sie sich beispielsweise in seinem Film «Satyricon» zeigen. Es war einfach auch die Kraft der bewegten Bilder, die Möglichkeit, auf suggestive Art Stories innerhalb von Stories zu erzählen, teils mit Charakteren, die man nicht richtig deuten kann. Da habe ich begriffen, dass es in der Kunst nicht ums rationale Verstehen geht, sondern dass es ein Verstehen gibt, das von der Ratio losgelöst ist und über Intuition funktioniert. Ein intuitives Aha-Erlebnis kann einen bleibenden Impact haben.

Gibt es für Sie frühe Schlüsselfilme?

Mein erstes ganz bewusstes Kinoerlebnis war der Western «Once Upon A Time in the West» von Sergio Leone – fast kein Text, starke Charaktere, intensive Landschaften, weite Räume. Das hat mich völlig gepackt. Das nächst wichtige Kinoerlebnis war für mich dann «Apocalypse Now» von Francis Ford Coppola – eine bildgewaltige Geschichte in breiter Dimension, in der die Story über Bilder und Atmosphäre erzählt wird. Zu dieser Atmosphäre trägt auch untrennbar die Filmmusik bei. Ich habe Filmmusik immer schon als wichtiges Element in einer Filmerzählung wahrgenommen und habe auch früh begonnen, Soundtracks zu kaufen, weil Soundtracks das Atmosphärische eines Films weitertragen.

Das sind Elemente, die eine statische bildnerische Kunst wohl nicht leisten kann …

Richtig. Mit bewegten Bildern, Klang und Text kann man Menschen auf spezielle Weise in eine Erzählung hereinholen. Das können andere Künste nicht in dieser Weise.

Das Theater müsste das allerdings auch können.

Naja, wenn ich im Theater oder in einer Oper sitze, habe ich nach meinem Gefühl immer noch mehr Eigenwahrnehmung. In einen Film kann ich tiefer eintauchen. Aber vielleicht ist das auch nur mein subjektiver Zugang.

Sie haben auch früh begonnen, sich selbst mit dem Medium Film gestalterisch zu befassen …

Meine allererste filmische Arbeit war Ende der 1980er-Jahre ein Super-8-Film zum Thema «Heimat», den ich zusammen mit Ewald Frick für eine Ausstellung in der Tangente gemacht habe. Die Eschner Tangente war seinerzeit noch kein reiner Jazzclub, sondern eine Galerie, in der auch Konzerte stattfanden. In den 90er-Jahren habe ich dann auf Video umgesattelt und habe seinerzeit mit einer ausgeliehenen Videokamera eine kleine Doku über mein Werkjahr in New York gedreht. Nachdem mir damals noch nicht die entsprechenden Schnitttechnikprogramme zur Verfügung standen, habe ich mit einem Schnittbuch gearbeitet. Das bedeutete: Kamera auf «on», drehen, «stop» und zur nächsten Szenenstation weiterreisen.

Das geschah alles autodidaktisch?

Völlig autodidaktisch. Ich habe mir mein technisches Wissen selbst angelesen. Und ich habe auch seit den späten 1980er-Jahren begonnen, neben der Malerei Performances mit Musik und Video zu machen. Meine ersten ernsthaften filmischen Arbeiten waren ab 1992 Videos, die ich für eigene Multimediainstallationen benutzt habe.

Dann ging es ins Dokumentarische …

Ja, zunächst in einer gemischten Form. Mein künstlerisches Filmtagebuch «Der Berg, das Meer und die Wunde» kam 1996 zusammen mit Livetanz und Livelesung als semidokumentarisches Projekt auf die TAK-Bühne. Ich hatte im Jahr davor auf einer dreimonatigen Frachtschiffreise den Kapitän dieses Schiffes sehr frei filmisch begleitet, habe Beobachtungen gefilmt und mit dem Kapitän einige Interviews geführt. Mit einem Porträt des Ballroom Bigband-Leaders Norman Lee («The Norman Lee Story») habe ich zwei Jahre später meinen ersten richtigen Dokumentarfilm vorgelegt. Anschliessend habe ich noch mehrere Dokumentationen gedreht und daneben weiterhin Videoinstallationen gemacht.

Würden Sie sich als filmischen Erzähler bezeichnen?

Meine Filme haben immer einen narrativen Charakter. Mich hat nie so sehr das Formale am Medium Film interessiert, nicht das Ausloten der Möglichkeiten und Grenzen des Materials, sondern viel mehr das Atmosphärische der gefilmten Bilder, das Narrative und das Suggestive, also das Angedeutete, die potenzielle Geschichte, die hinter der äusseren Geschichte verborgen liegt. Die Filmmusik kann hier ebenfalls viel miterzählen. 2006 habe ich im Kunstraum Engländerbau versucht, diese Kombination von narrativer und suggestiver Geschichte mit der 5-Kanal-Videoinstallation «The House of Pleasures & Deceit» umzusetzen. Zwei Figuren streifen dort durch die verfallenen Räume eines ehemaligen Badehauses auf den Spuren der potenziellen Geschichten dieses Hauses.

Sind Sie ein langsamer Erzähler?

Ich tauche immer gerne in Bild und Ton und in Raum und Zeit ein. Rasche Schnitte sind nicht mein Ding. Ich habe die langsame Erzählform immer bevorzugt.

War der Schritt zum Spielfilm konsequent?

Den Wunsch, ins Genre Spielfilm einzusteigen, hatte ich schon seit über 20 Jahre mit mir herumgetragen. Ich habe Skizzen, Ideen und Material gesammelt und mit einem Werkbeitrag 2014 auch ein Drehbuch vorgelegt, das als Vorläufer für den «Eidechsenkönig» gelten kann. Ich liess das Drehbuch danach aber ruhen, weil andere Arbeiten dazwischenkamen.

Dann ging es vergangenes Jahr aber plötzlich schnell …

Ja. Klaus Henner Russius, der schon viele Jahre lang als Darsteller in meinem ersten Spielfilm feststand, landete Anfang 2018 aufgrund einer schweren Erkrankung in der Intensivstation. Die Ärzte wollten ihn schon fast aufgeben. Er rief mich dann aus der Reha an und sagte: «Arno, wenn du deinen Spielfilm noch machen willst, dann mache ihn jetzt.» Ich habe also das Drehbuch noch einmal hervorgeholt und radikal überarbeitet. Eine vorgesehene dritte Filmperson musste ich streichen, ebenso die vorgesehenen Dreh­orte auf das unmittelbar Zugängliche reduzieren. Also haben wir in Russius’ eigener Wohnung in Zürich gedreht, im Hagen-Huus in Nendeln, im Küefer-Martis-Huus in Ruggell und in der Praxis des Kieferchirurgen Pascal Büchel, der den Diagnosearzt gleich auch selber spielt. Das Filmen habe ich selbst übernommen. Elmar Gangl und bei einigen wenigen Szenen auch meine Frau Denise haben die zweite Kamera gemacht. Wir haben alles mit mehreren Handys, die wir auf Gimbals montierten, gefilmt. Das sparte Kosten. Allerdings kann man mit dem Handy nicht zoomen, muss also für Nahaufnahmen nahe an Objekte und Personen hingehen. Die reinen Dreharbeiten dauerten eineinhalb Wochen. Die viel aufwendigere Postproduktion in einem professionellen Studio in Wien dauerte zwei Wochen.

Wie sah es mit Sponsoren aus?

Ich hatte das Glück, dass meine Doku über den Musiker John Abercrombie («Open Land» 2017) recht erfolgreich war und einige Prämierungen einheimsen konnte. Das erleichterte die Sponsorensuche. Und da ich in Ruggell in nächster Umgebung drehte, kamen mir auch die Gemeinde und Freunde entgegen.

Noch ein Wort zur Filmmusik des «Eidechsenkönigs» …

Das ist für mich ein ganz wichtiges Element. Neben einigen Sequenzen aus Material meiner Gruppe Klanglabor verdanke ich die Filmmusik zur Hauptsache Ralph Zurmühle, einem Schweizer, der in Liechtenstein aufgewachsen ist, hier das Gymnasium besucht hat und seit vielen Jahren als Musiker in der Nähe von Barcelona lebt. Er hat schon die Filmmusik zur «Norman Lee Story» beigesteuert, und für den «Eidechsenkönig» konnte ich neue Kompositionen verwenden, die Ralph im letzten Herbst gerade zu einer neuen CD zusammenstellte. Ralph Zurmühles Musik transportiert für mich jene Qualitäten von Zeit und Raum, die ich auch im Filmischen suche.

«Der Eidechsenkönig» erlebt seine Premiere beim Vaduzer Filmfest am 22. August. Tragen Sie sich nach diesem Erstling schon mit Gedanken an einen nächsten Spielfilm?

Ich muss gestehen, dass mich die Arbeit am «Eidechsenkönig» für das Spielfilmmachen regelrecht «angefixt» hat. Ich arbeite auch schon an einem Drehbuch für einen nächsten Spielfilm. 15 Seiten stehen bereits, und es geht mir offen gestanden wie seinerzeit bei meinem ersten Drehbuch für den «Eidechsenkönig»: Ich sehe überhaupt keine Chance zu einer Umsetzung (lacht). Aber letztlich ist aus dem «Eidechsenkönig» ja auch etwas geworden. (jm)

«Der Eidechsenkönig»

Was: Preview des ersten Spielfilms von Arno Oehri mit Klaus Henner Russius und Sandra Sieber in den Hauptrollen.
Wann:Heute Donnerstag, 20.30 Uhr
Wo: Filmfest, Vaduz
Mehr: Zum Film auf www.flimfest.li und zum Filmemacher Arno Oehri auf www.videowerk.li